Life’s pretty fabulous every second!

Festivalbericht: Film Festival Locarno 2018
Bildquelle: 
© Tanja Lipak

Leoparden gehören zwar nicht in die heimische Fauna der Schweiz, wurden die letzten Tage aber sehnlichst herbeigesehnt. Am liebsten in goldener Form. Die 71ste Ausgabe des Locarno Film Festivals vereinte verschiedenste kulturelle und geografische Regionen, zelebrierte neue Erzählformen, gab Platz für starke Frauen und verabschiedete sich von einem innig geliebten künstlerischen Leiter.

 

Bäckstage besuchte das Festival in der zweiten Woche mitten in der «Ethan Hawke»-Phase. Der US-Darsteller, Regisseur und Autor war Ehrengast und durfte am Mittwochabend den «Excellence Award» entgegennehmen. Mit im Gepäck hatte er seine neuste Regiearbeit «Blaze». Der Film erzählt die Geschichte von Blaze Foley, einem grösstenteils unbekannten Bluesmusiker. Statt die stereotypischen Drogen- und Sinneswandlungsgeschichten zu zeigen, konzentriert sich Hawkes Film vielmehr auf den künstlerischen Prozess und darauf was einen Künstler antreibt, motiviert. Ganz in diesem Sinne brachte Hawke auch Ben Dickey - den Hauptdarsteller, ebenfalls Blues-/Country-Sänger - mit nach Locarno. Ein smarter Schachzug, insbesondere für das Festival, weil es dem Publikum die Möglichkeit bot, die Schönheit und Magie des Locarno Filmfestival von Neuem durch die Augen zweier romantisch veranlagter Bluesfans zu sehen. Die Europapremiere auf der Piazza Grande beschrieben Hawke und Dickey just nach dem Filmende um Mitternacht als «magical». Der Zauber dieser Nacht klang auch ein paar Tage später nicht ab, als beide Künstler ihre Instagram Profile mit bezaubernden Bildern von Locarno füllten und ihrer durch die Abreise aufkommenden Melancholie freien Lauf liessen.

 

Fotos: © Tanja Lipak

 

Mit der Abreise der «Blaze»-Delegation, musste die Romantik der rohen Realität weichen. Die nächste Filmdelegation präsentierte mit ihrem «Wintermärchen» ohne Zweifel ein Werk, welches mit dem Prädikat «Tour de Force» am besten beschrieben ist. Im Film treffen drei emotional verwahrloste Hobby-Rassisten aufeinander, glorifizieren einen gewalttätigen «Bonny & Clyde»-Lebensstil und lassen jede Chance auf Besserung unversucht vorbeistreichen. Inspiriert vom NSU-Prozess stellt Regisseur Jan Bonny eine Frau (Becky, gespielt von Ricarda Seifried) und zwei Männer (Tommy, gespielt von Thomas Schubert und Maik, gespielt von Jean-Luc Bubert) ins Zentrum, die sich gegenseitig emotional zerreissen, körperlich ausbeuten (Nacktheit und Sexszenen füllen einen grossen Teil des Films), bis sie sich in einen neuen Modus einpendeln, der ihnen ein wenig Liebe und Zärtlichkeit verspricht. Die kontroverseste Diskussion mit dem Publikum an einer der öffentlichen Q&A Sessions blieb deshalb diesem Film vorbehalten.

 

«Wintermärchen» teilte eine Tendenz mit weiteren Filmen des Festivals. Im Zentrum steht keine Frau, die gerettet werden muss, sondern die vielmehr selbst zum Aggressor wird. Gleiches sah man im rumänischen Beitrag «Alice T.». Die titelgebende Protagonistin lügt, betrügt und schlägt sich durch ihre Teenagertage. Für diese Darbietung erhielt Andra Guti in Locarno den Preis als beste Darstellerin. Deutlich weniger gewalttätig, aber ebenso eigenständig und eigenwillig zeigt sich Luna Kwok als taffe Cybercafe-Besitzerin in «A Land imagined». Der Film handelt von einem vermissten Grossbauarbeiter inmitten von Sand Wars (Anmerkung der Redaktion: illegale Beschaffung von Sand zuhanden einer Expansion des eigenen Landes, Denis Delestrac hat einen sehenswerten Dokumentarfilm dazu gedreht) in Singapurs Industrie-Gebiet. Der spannend inszenierte Thriller setzt Gesellschaftskritik in einer neonfarbigen Welt (optisch hier und da an «Drive» erinnernd) um. Der Film erhielt verdient den Goldenen Leoparden als bester Film. Die sichtliche Freude des Regisseurs und Drehbuchautoren Yeo Siew Hua wäre dabei auch schon Grund genug gewesen, den Film auszuzeichnen. Die Begeisterung des Filmemachers aus Singapur für sein ausgezeichnetes Werk war sehr ansteckend. Dies konnte jeder und jede selbst erleben während der öffentlichen Q&A-Session bei 35 Grad im Schatten im Spazio Cinema oder an der Preisverleihung auf der Piazza Grande selbst. 

 

Viel Erfolg in Berlin, Carlo Chatrian

 

Diese beiden Veranstaltungsstätten hätten nicht unterschiedlicher sein können und zeigen auch die architektonische Diversität des Festivals. Das Spazio Cinema ist ein sonniger Treffpunkt mit Bar, ein wenig ausserhalb des Stadtzentrums (und zum Glück mit klimatisierten gratis Zusatz-Postauto-Bussen erreichbar). Die Piazza Grande hingegen verwandelte sich gegen Abend hin zu einer stark beschützten Festung, bei der jeder Ein- und Austritt genau kontrolliert und rapportiert wird. Die verstärkten Sicherheitsmassnahmen konnten aber der äusserst gelassenen und lebensfrohen Atmosphäre des Festivals nichts anhaben. Dies lag zum einen vielleicht auch an der Attitude eines Mannes: Carlo Chatrian. Der künstlerische Leiter des Festivals war praktisch jeden Tag non-stop zu sehen, plauderte unbeschwert mit dem Publikum sowie den eingeladenen Künstlern, stellte Filme vor und beobachtete das ganze Geschehen mit einer tiefen Zufriedenheit. Dies lag vielleicht alles daran, dass diese Locarno-Ausgabe die Letzte mit ihm als künstlerischen Leiter war, bevor er seine Tätigkeit in der gleichen Rolle bei der Berlinale startet. Carlo Chatrian stand für ein diverses, mutiges Programm, dies zeigten Filme wie beispielsweise der Social Media-Krimi «Searching». Der Film ist ausschliesslich aus der Optik von Handy-/Laptop-Displays erzählt.

 

Der sehr geschätzte künstlerische Leiter wurde am Abschlussabend des Festivals gross zelebriert, zeigte sich aber danach wieder gewohnt nah und diskutierfreudig vor dem La Rotondo, wo die Abschlussfeier des Festivals stattfand. Und ja das Festival und dessen Abschlussfeier war bis auf die letzte Sekunde bezaubernd. 

 

Wie hat Ethan Hawke am Gespräch mit dem Publikum gesagt: « Life’s pretty fabulous every second!». Besonders im schönen, sonnigen, gutgelaunten Locarno.

 

 

Tanja Lipak / Di, 14. Aug 2018